LAGOS – eine Hassliebe: Teju Coles poetisches Porträt einer Megacity

Standard

„Jeder Tag gehört dem Dieb“ von Teju Cole (Berlin 2015)

erschienen im Hanser Verlag 2015, 176 Seiten mit Abbildungen, gebunden 18,90 Euro

Cole_24772_MR1.indd

Zum Autor:

tcole

Salman Rushdie nennt ihn den talentiertesten Schriftsteller seiner Generation. Teju Cole wurde 1975 als Sohn nigerianischer Eltern in den USA geboren, wuchs aber in Lagos / Nigeria auf. In Michigan, London und New York studierte er, mit siebzehn Jahren in die USA zurückgekehrt, Kunstgeschichte und Medizin. Cole schreibt für die New York Times und andere englischsprachige Magazine wie z.B. die südafrikanische Zeitschrift „Chimurenga“.

Teju Cole ist auch Fotograf. Sein Werk „Jeder Tag gehört dem Dieb“ wurde von ihm durch Schwarz-Weiß-Fotografien illustriert.

Teju Cole erhielt bereits zahlreiche Literaturpreise und wurde 2011 / 12 durch das Erscheinen seines Erfolgsromans „Open City“ bekannt, in welchem er seinen Protagonisten, den jungen Psychiater Julius, getragen von Erinnerungen, ziellos durch die Straßen Manhattans flanieren lässt. Dieser Roman wurde in den großen Zeitungen sehr positiv besprochen und zählt zu DEN Großstadtromanen, die man kennen muss.

Zum Buch:

Wie schon in „Open City“ treibt es Teju Coles Protagonist, einen namenlosen Ich-Erzähler, durch die Straßen einer Großstadt bzw. einer Megacity. Er lässt die USA hinter sich und besucht seine Heimatstadt Lagos in Nigeria, die größte Metropole Afrikas. Coles poetisches Porträt von Lagos erschien bereits 2007 beim nigerianischen Verlag Cassava Republic. Es ist die Verschriftlichung seines 2006 entstandenen Reiseblogs, in der Cole seine Eindrücke während der Reise ins Heimatland dokumentierte.

Die Handlung beginnt im nigerianischen Konsulat in New York, wo der Leser zum ersten Mal mit der  in Nigeria üblichen Praxis des „Schmierens“ in Berührung kommt, wenn der namenlose Medizinstudent seine Papiere für einen Besuch in der Heimat beantragen muss.

„Geld, das je nach Kontext in größeren oder kleineren Beträgen fließt, ist ein soziales Schmiermittel. Es öffnet Türen und erhält dabei die Hierarchien.(…) Für jede Transaktion die angemessene Summe, die die Dinge ins Rollen bringt. Wenn mir allerdings jemand Geld abverlangt, dessen Finger über dem Auslöser einer Kalaschnikow schwebt, ist das kein Trinkgeld mehr, sondern Lösegeld (…)“. „Das Geben und Nehmen von Schmiergeld, Trinkgeld, Lösegeld, Almosen – die Grenzen sind da fließend – ist für viele Nigerianer keine Frage der Moral, sondern ein gelindes Ärgernis oder ein Mittel zum Zweck.“ (S. 23)

Nigeria gehört zu den korruptesten Ländern unserer Erde. Korruption wird im weiteren Verlauf des Romans das vorherrschende Thema bleiben. Niemand kann die Berührungspunkte bei einem Besuch in Nigeria verhindern. So beschreibt Teju Cole im Folgenden eine Situation, wie ich sie ähnlich selbst bei meinem Nigeriaaufenthalt erlebt habe. Zunächst muss man wissen, dass ein nigerianischer Polizist  umgerechnet etwa 100 Euro im Monat verdient. Davon kann man im brodelnden Lagos nicht leben. Um den Lebensunterhalt bestreiten  zu können, muss man sich u.a. dadurch behelfen, dass man tagein tagaus grundlos Autofahrer anhält:

„-Guten Tag, Officer!
– Sie wissen, warum ich Sie angehalten habe?
Seine Bestimmtheit beunruhigt mich. Nein, antworte ich ruhig, das weiß ich nicht.
– Was bedeutet dieses Schild?
Er zeigt auf ein Schild hinter uns. Die Stange ist verbogen, und das Schild selbt ist teilweise von einem Baum verdeckt.
– O Gott, das habe ich nicht gesehen. Das war doch noch nie eine Einbahnstraße. Das muss ein neues Schild sein.
Es handelt sich natürlich um Betrug. Das Schild ist mit Absicht versteckt worden.
– Die ganze Strecke ist eine Einbahnstraße, bis zur Universität.
– Das wusste ich nicht. Tut mir leid, hab ich nicht gewusst.
Er lacht vor sich hin. Dieser Moment wurde gut einstudiert.
– Tut mir leid reicht leider nicht.
– Ich hab das Schild nicht gesehen. Ich wusste von nichts.
– (…) Sie müssen leider mit aufs Revier kommen.
Minuten werden vergeudet. Ich habe keine Lust, den ganzen Nachmittag zu verschwenden, um dann ein „Bußgeld“ zu bezahlen, das in unrechte Hände gelangt. Schließlich rückt er mit seiner Forderung heraus, beziehungsweise bringt mich dazu, sie zu benennen.
– Und was machen wir jetzt, Officer? Vielleicht tausendfünfhundert, damit sie sich was zum Essen kaufen können?
Seine Eröffnungsforderung beträgt fünftausend Naira. Es gelingt mir, meine Empörung zu verbergen und ihn auf zweitausendfünfhundert herunterzuhandlen. Ich reiche ihm das Geld und starte das Auto.“ (S. 128 f.)

Dass die nigerianische Polizei dem Slogan „dein Freund und Helfer“ nicht gerecht wird, zeigt sich im weiteren Fortgang der Geschichte erneut: Die Tante des Protagonisten erwartet eine Containerlieferung aus den USA. Das Entladen, bei welchem der Ich-Erzähler zugegen ist, wird unerwartet durch sogenannte „Area-Boys“, das sind in Gangs organisierte jugendliche Krimninelle in Lagos, gestört, die eine Beteiligung am vermeintlichen Reichtum einfordern. Auf die Frage des Onkels, ob man nicht die Polizei rufen solle, antwortet der Freund: „Das hat keinen Sinn. Dann kommt die Polizei und will dreißigtausend. Am Ende bezahlen wir das Doppelte. (…)“ (S. 115)

Im Posteingang unserer E-Mail-Accounts haben wir sicher fast alle schon einmal Nachrichten von äußerst kreativen „Yahoo-Boys“ aus Nigeria vorgefunden. Nicht verwunderlich also, dass das Vorgehen sogenannter „Yahoo-Yahoos“, junger Leute, die von einem der unzähligen Internetcafes von Lagos Mails in den Westen schicken, in welchen der „liebe Freund“ dazu aufgefordert wird Geld zu überweisen, um dann unverzüglich ein großes Vermögen machen zu können, auch Eingang in Teju Coles Roman findet. Er beschreibt dieses in einem seiner kurzen Kapitel so pointiert, dass sich der Leser ein Schmunzeln nicht verkneifen kann.

Persönlich fand ich die Romanabschnitte über das Leseverhalten und den Literaturmarkt in Nigeria äußerst interessant. Cole erklärt, dass in einer Umgebung wie Lagos das Geistesleben kaum eine Chance hat. Nicht nur dass die Alphabetisierungsrate in Nigeria niedrig ist, beschränken sich die Menschen auf das Lesen von Zeitungen, Boulevardblättern und Groschenromanen. Religiöse Traktate, die den Lesern ein „glorreiches Leben“ versprechen, sind im religiösten Land der Erde außerdem sehr beliebt. Anspruchsvolle Belletristik ist in Nigeria für die meisten  einfach unerschwinglich.

Der Ich-Erzähler, der wie der Autor zwischen verschiedenen Kulturen pendelt, ist während der Romanhandlung hin- und hergerissen. Er liebt seine Heimatstadt, in der die Geschichten auf der Straße liegen.  Soll er wieder zurückkehren? Kann er sich, nachdem er lange im Westen lebte, mit der informellen Wirtschaft in Nigeria arrangieren? Würde er sich wieder daran gewöhnen, dass am frühen Abend regelmäßig die Lichter aus- und lärmende stinkende Dieselgeneratoren angehen, da eine verlässliche Stromversorgung im reichen Ölstaat Nigeria wohl erst einmal Wunschdenken bleiben wird? Ist eine berufliche Zukunft im chaotischen und ihm teilweise fremd gewordenen Lagos vorstellbar? Kann die Stadt seine geistigen Bedürfnisse befriedigen? Wie sich der innerlich zerrissene Ich-Erzähler am Ende enttscheiden wird, möchte ich an dieser Stelle nicht erwähnen.

Coles episodische und dokumentatrische Beschreibungen decken sich mit meinen Erinnerungen und Bildern von Lagos und bescherten mir daher ein großes Lesevergnügen. Auch wenn man von der in Lagos herrschenden Gewalt weiß, können Coles realistische Schilderungen den Leser aber auch schockieren. Cole ist eine wunderbare biographische Stadtreportage gelungen, der ich unzählige begeisterte Leser wünsche!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s