Rezension: Johannes Groschupf – Der Zorn des Lammes

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“Mein Lämmchen, ich lege meinen Arm um dich und werde dich nimmermehr loslassen. Du sei mein, denn wir sind füreinander bestimmt.” (S. 147)

“Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Freundin. Siehe meine Freundin, du bist schön. Deine Augen sind wie Taubenaugen. Deine Zähne sind wie eine Herde Schafe, die aus der Schwemme kommen. Dein Mund ist lieblich. Deine beiden Brüste sind wie junge Gazellen, die unter den Linden weiden.” (S. 135)

Diese Textausschnitte, entnommen aus Johannes Groschupfs aktuellem Jugendbuch “Der Zorn des Lammes”, die zum einen auf die Johannesoffenbarung anspielen bzw. das biblische Hohelied der Liebe zitieren, mögen den Eindruck erwecken, man habe es hier mit einer klassischen Liebesgeschichte zu tun. Das Cover der diesen Monat bei Oetinger erschienenen broschierten Ausgabe spricht hingegen eine andere Sprache. Ein mit roten Augen wütend dreinblickendes Schaf ziert den Umschlag. Ebenso gehalten ist der in roter Kaptalschrift ins Auge springende Titel. Rot als Symbol für Liebe und Leidenschaft, aber auch für Zorn und Aggression .
Bei “Der Zorn des Lammes” handelt es sich um einen Thriller für junge Erwachsene, der Obsessionen und wahnhafte Liebe thematisiert. Krankhaft der Liebe zu der Praktikantin Jazz verfallen ist Milan, der aus einer psychiatrischen Einrichtung geflohen und der jungen Frau zufällig während einer Busfahrt begegnet ist. Fortan heftet er sich an Jazz` Fersen und provoziert immer häufiger Begegnungen…
Jazz – eigentlich Jasmin – ist ebenfalls auf der Flucht. Sie entflieht der Enge im elterlichen Heimatort und beginnt beim Tagesspiegel im Moloch Berlin ein Praktikum. Schwer lastet eine vermeintliche Schuld auf ihr, die sie im Verlauf der Romanhandlung zu verarbeiten versucht. Milan schleicht sich immer mehr in Jazz` Leben, wobei er auch über Leichen geht. Eines Tages gelingt es ihm, Jazz in seinen Unterschlupf zu locken. Doch er hat nicht mit dem Zorn des Lammes gerechnet…

“Vergebet uns vor dem Zorn des Lammes! Denn es ist gekommen der große Tag seines Zorns, und wer kann bestehen?” (S. 128)

Johannes Groschupfs Roman ist kein gewöhnliches Jugendbuch. Das Lesealter lässt sich auf ab 16 Jahre festlegen. Der Text wirkt auch bei erwachsenen Lesern sehr lange nach und lässt zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten zu. Äußerst interessant sind die ständig auftauchenden Referenzen auf die Bibel. Sehr häufig wird hierzu die apokalyptische Offenbarung des Johannes herangezogen. Groschupf erzählt abwechselnd in zwei Perspektiven: Wir empfinden sowohl für die weibliche Protagonistin Jazz als auch für den sehr kranken jungen Mann Milan Empathie. Der Autor liefert während des Erzählens Hinweise darauf, dass Milan an einem schizophrenen Syndrom leiden muss. Beide Figuren symbolieren in ihrer Weise die Unschuld, während die Metropole Berlin oftmals wie ein biblisches Sodom beschrieben wird.
Johannes Groschupf schreibt atemberaubend spannend, sehr bewegend, in seiner Sprache aber sehr prägnant. Er hinterlässt eine aufgewühlte, nachdenklich gestimmte Leserschaft.

Johannes Groschupf
Der Zorn des Lammes
Oetinger 2014
broschiert, 189 Seiten
Euro 12,99 (D)

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Rezension: Samson Kambalu – Jive Talker (aus: Africa Positive 37/2010)

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Ich bin seit vielen Jahren Mitglied im „Anderen Literaturklub„, der zur Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika gehört. Als Clubmitglied bekommt man die viermal jährlich erscheinende Zeitschrift „Literaturnachrichten“ sowie vier Neuerscheinungen, deren Übersetzung von der Gesellschaft zur Förderung von Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika finanziell möglich gemacht worden ist.
So zum Beispiel der wunderbar spritzige Roman „Jive Talker“ von Samson Kambalu:

Samson Kondwani Kambalu, ein in London lebender malawischer Künstler, kam als fünftes Kind einer zehnköpfigen Familie 1975 zur Welt. Er erhielt ein Stipendium und besuchte die renommierte Kamazu Academy in Malawi. In seinem ersten autobiografischen Roman „Jive Talker“ führt Kambalu, dessen afrikanischer Name „Don`t worry be happy“ bedeutet, „ins warme, traurige, witzige, chaotische, schrullige und weise Innere Afrikas“ (The Sunday Telegraph). Dabei ist sein Name Programm. Der Jive Talker, wobei Jive leeres, großspuriges Gequassel meint, ist Samsons Vater, ein Hilfsarzt, der seine Bibliothek wie seinen Augapfel hütet. Sein Traum, ein richtiger Doktor und Multimillionär zu werden, bleibt auch nach zahlreichen Ortswechseln im von Hastings Kamuzu Banda diktatorisch regierten Malawi ein Traum. Aber er gibt seinen Kindern die Liebe zum Lesen und Philosophieren und einen nie versiegenden Optimismus mit. So liest auch Samson, der Michael Jacksons Moonwalk liebt, auf dem Klo mit Vorliebe Nietzsche, verkündet mit zwölf Jahren, Gott sei tot und erfindet eine neue Religion: Aus der Holy Bible, der heiligen Schrift, erschafft der junge Samson den Holy Ball, einen mit den Seiten der Bibel tapezierten Fußball zum Exerzieren und Exorzieren und tauft seine neue Religion, die eine alte, nämlich die Sonnenanbetung, wieder zum Leben erweckt, Holyballismus. Als Absolvent der berühmten Kamuzu Academy, dem Eton Malawis, schafft Samson schließlich den Sprung nach Europa, wo sein Holy Ball das berühmteste Kunstwerk des Konzeptkünstlers wird. 
Mit den gängigen negativen Vorstellungen von Afrika hat dieser rasante, äußerst humorvolle und intelligente Debütroman nur wenig gemein. 
Es gibt den Roman, den man unbedingt gelesen haben muss,  auch als Taschenbuchausgabe beim Unionsverlag. Noch, denn das „Problem“ bei Büchern afrikanischer AutorInnen ist, dass sie schnell vergriffen sind und keine Neuauflagen geplant werden.

So auch bei folgenden Buchtipps:
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Chimamanda Ngozi Adichie ist eine junge nigerianische Autorin, die bereits mit Preisen überhäuft wurde. Auf jeden Fall verdient!! Auf Deutsch ist von ihr bereits das Jugendbuch „Blauer Hibiskus“ als Taschenbuch und Hörbuch erschienen. Dieser Debütroman beschäftigt sich mit dem Thema häusliche Gewalt. Auch ein Band mit Kurzgeschichten wurde ins Deutsche übersetzt.
Ich möchte ganz kurz ihren zweiten Roman vorstellen, der in Nigeria auch gerade verfilmt wurde: Die Hälfte der Sonne. Wer sich mit afrikanischer Geschichte gut auskennt,  dem verrät der Titel sofort das Thema des genialen Romans. Die Hälfte der Sonne war auf der Flagge des westafrikanischen Staates Biafra zu sehen, um dessen hoffnungsvolle Gründung aber auch Zerstörung es in Adichies Roman geht. Vor dem Hintergrund des dreijährigen Bürgerkriegs erzählt Adichie aus dem Alltag verschiedener Menschen. Zum Beispiel von Ugwu, dem Houseboy eines linksintellektuellen Unidozenten, seiner Geliebten Olanna und deren ungleichen Zwillingsschwester Kainene, und von Richard, einem englischen Schriftsteller, der in Nigeria nach Inspiration sucht.
Die Süddeutsche Zeitung schrieb über Adichie: „Nigerias neuer Stern am Literaturhimmel!“ Ich denke, das trifft es ganz gut. Auch mit wenig Hintgergrundwissen zur Geschichte Afrikas, ist Adichies Roman -trotz des ernsten Themas- ein großes Lesevergnügen. Ein Stück Weltliteratur, das in keinem Bücherregal fehlen darf!
Leider ist der 2008 als Taschenbuch erschienene Roman vergriffen. Er ist nur noch antiquarisch erhältlich. Es gibt auch eine Hardcoverausgabe bei Luchterhand. Ber auch auf Englisch ist Adichie sehr gut zu lesen!

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Allie Sheridan gerät ins Wanken, nachdem ihr Bruder spurlos verschwunden ist. Sie bekommt Ärger mit der Polizei und fliegt von der Schule. Daraufhin schicken ihre Eltern Allie auf die mysteriöse Cimmeria Akademie, ein Internat fernab von Allies Londoner Freunden.

Eigentlich gefällt es Allie auf Anhieb auf dieser Schule; jedoch stößt sie schon sehr bald auf Merkwürdigkeiten und Geheimnisse. Was hat es mit den Eliteschülern auf sich, die sich in der so genannten Night School versammeln? Kann sie Sylvain vertrauen, dessen Interesse sie geweckt hat und dessen französischem Charme sie nur schwer widerstehen kann? Und was hat es mit Carter auf sich, der sie immer wieder vor Sylvain warnt? Und dann wird einem Mädchen auf dem Sommerball die Kehle aufgeschlitzt. Die Schulleitung informiert die Polizei nicht, und beharrt vehement darauf, es habe sich um einen Selbstmord gehandelt. Wer treibt im Schulgarten sein Unwesen?

Die Schule birgt ein schreckliches Geheimnis – das wird dem Leser sehr schnell klar. Gut gefallen hat mir, dass es sich mal nicht um eine Geschichte aus dem paranormalen Genre handelt. Es ist also weder ein Vampir noch Werwolf, der im Schulpark sein Unwesen treibt. Auch die Liebesgeschichte in Night School, die Charaktere Carter und Sylvain, gefallen mir sehr gut. Meine persönliche Sympathie liegt allerdings mehr bei Carter.

Bei Night School handelt es sich um einen spannenden Thriller für Jugendliche ab etwa dreizehn Jahren. Wer gerne Serien liest, darf bei diesem Buch auf reichlich Nachschub hoffen: Night School wird in fünf Bänden erscheinen. Der Roman erinnert etwas an die “Tal”-Reihe von Krystyna Kuhn. Fans von Internatsgeschichten werden auf jeden Fall auf ihre Kosten kommen!

 

C. J. Daugherty

Night School #1. Du darfst keinem trauen

gebunden, 461 Seiten

Oetinger Verlag 2012

Euro 17,95 (D)

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Rezension: Andreas M. Sturm – Albträume

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Der Dresdener Krimiautor Andreas M. Sturm hat im Leipziger Krimiverlag fhl im Februar 2013 seinen zweiten Roman „Albträume“ veröffentlicht. Wie schon in „Vollstreckung“ begegnen wir der dem sympathischen Ermittlungsteam Sandra König und Karin Wolf. Letztere hat – gerade aus dem Urlaub zurück – einen neuen Fall auf dem Tisch. Ein Mann ist in seiner Wohnung ermordet aufgefunden worden. Gleich zu Beginn erfährt der Leser, dass sich auch die junge Studentin Svenja in großer Gefahr befindet, so dass zu Beginn der Lektüre bereits sehr viel Spannung aufgebaut wird. Persönlich haben mir die Textstellen, in welchen Svenjas Angst vor einem Verfolger beschreiben werden, am besten gefallen. Weitere Morde geschehen – Ritualmorde. Der Täter scheint ein religiöser Fanatiker zu sein, dessen Morde durch Verstöße gegen die Zehn Gebote motiviert sind… Sturms Krimi lädt ein zum Miträtseln. Gemeinsam mit König und Wolf macht man sich beim Lesen auf die Tätersuche. Das ist ungemein spannend und fesselnd, so dass „Albträume“, das flüssig und flott geschrieben ist, problemlos in einer Nacht verschlungen werden kann. Sehr gut gefallen haben mir auch die Charakterisierungen der Polizistinnen und die Beschreibung der sich anbahnenden Liebesbeziehung der beiden. Damit hebt sich dieser Krimi auf jeden Fall von anderen ab. Freuen darf man sich schon auf Sandra Königs dritten Fall „Leichentuch“, der in Vorbereitung ist.

 

Andreas M. Sturm

Albträume

broschiert, 336 Seiten

fhl Verlag

Euro 12,- (D)

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Rezension: Chase Novak – Breed

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„Wenn Eltern zu Monstern werden – in Manhattan wird der Traum vom Baby zum Alptraum.“
„Der beste Horror-Roman seit Peter Straubs „Geisterstunde“. Erschreckend und bitterböse – ein Alptraum.“ Stephen King
 „Vergessen die Vampire und Zombies. Chase Novak stellt die dunklen Helden vor: Mom und Dad. Das ist bester Horror.“ USA TODAY

breedAll diese Zitate stammen vom Schutzumschlag des Romas „Breed“, der im Hardcover im März 2013 bei Hoffmann und Campe erschienen ist. In Kombination mit der Umschlaggestaltung – ein blutroter Schwangerenbauch auf schwarzem Hintergrund – machen diese Zitate ungemein neugierig auf den sogenannten Thriller. Man denkt sofort an den Horrorklassiker „Rosemary`s Baby“. Auch der Klappentext weckt das Interesse  vieler Leser sofort, nimmt sich der Autor doch einem recht brisanten und aktuellen Thema an: dem unerfüllten Kinderwunsch und den Wundern der Wissenschaft:
Alex und Leslie Twisden, ein junges erfolgreiches New Yorker Paar, wünschen sich ein Kind. Auf natürlichem Weg klappt es aber nie. So schöpfen die beiden alle Möglichkeiten aus. Geld spielt dabei keine Rolle. Doch Leslie wird nicht schwanger. Über einen Arbeitskollegen erfährt Alex, dass es im slowenischen Ljubljana einen Arzt geben soll, der bisher jeden Kinderwunsch erfüllen konnte.  Voller Hoffnung wenden sich Alex und Leslie an Dr. Kis, auch wenn sie von ihm und seiner Praxis zunächst sehr abgeschreckt sind. Doch der Kinderwunsch ist stärker als das ungute Gefühl, das die beiden bei der Begegnung mit dem ominösen Arzt beschleicht. Die geheimnisvollen Injektionen bewirken tatsächlich eine Schwangerschaft. Doch Leslie und Alex beobachten noch andere Veränderungen an ihren Körpern und vor allem in ihrem Wesen…

Ich hatte zu Beginn der Lektüre sehr hohe Erwartungen und versprach mir einen sehr gruseligen und spannenden Pageturner. In dieser Hinsicht wurde ich sehr enttäuscht. Der erste Teil ist noch sehr spannend, da man unglaublich gespannt darauf ist zu erfahren, wie der ominöse Arzt dem jungen Paar zu seinem Kinderglück verhelfen wird und welche Nebenwirkungen in Kauf genommen werden müssen. Die Beschreibung von Dr. Kis und seiner Praxis haben mir auch sehr gut gefallen, haben sie doch einen leicht surrealistischen Touch. Auch Novaks Schreibstil begeisterte mich zu Beginn meiner Lektüre. Er schreibt mit bitterbösem Humor, seine Klammerschreibweise am Anfang erinnert an Stephen Kings frühe Werke. Der sarkastische Ton des Romans gefiel mir richtig gut. Doch leider konnte Novak für mich die Spannung nicht beibehalten. Mir gelang es nicht, für eine der Protagonisten Empathie aufzubauen. Es war fast unmöglich, sich in eine der Figuren hinein zu denken. Eine Ausnahme könnte Adams Lehrer darstellen. Auch die Kinder bleiben in ihrer Ausgestaltung sehr blass. Sie lernen im Lauf der Handlung andere Kinder kennen, die ihr Schicksal zu teilen scheinen. Leider bleiben in diesem Zusammenhang viele Fragen offen, da Novak hier Dinge anreißt, aber nicht bis zum Ende fertig ausarbeitet.
Während der gesamten Lektüre fehlte mir der Gruselfaktor. Mich hat jeder andere Thriller, den ich bisher gelesen habe, mehr in Atem gehalten als BREED, der als Thriller beworben wird. Ich bin der Meinung, dass es sich bei Breed um einen gesellschaftskritischen, bitterbösen Roman handelt, der die Frage nach den ethischen Grenzen unserer modernen Wissenschaft aufwirft. Betrachtet man das Buch aus diesem Blickwinkel, kann man ihm sicher mehr abgewinnen. Meiner Meinung nach sollte man aber nicht mit der Erwartung an die Lektüre gehen, einen Thriller oder gar Horrorroman in den Händen zu halten.

Zum Autor:
Chase Novak ist das Pseudonym des amerikanischen Gegenwartautors und Journalisten Scott Spencer, der 1945 in Washington D.C. geboren wurde. Er schreibt für den NEW YORKER und die NY Times. Breed ist das erste unter Pseudonym veröffentlichte Buch. Für zwei seiner sehr erfolgreichen Romane wurde Spencer für den National Book Award nominiert (u.a. für Während des Sturms).

Chase Novak

Breed

gebunden, 352 Seiten

Hoffmann und Campe 2013

Euro 19,99 (D)

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Rezension: Idrissa Keita – Djemas Traum vom großen Auftritt

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keitaIdrissa Keitas Kinderbuch „Djemas Traum vom großen Auftritt“ ist in vielerlei Hinsicht ein Glücksgriff: Es gehört zu jener Literatur, die authentisch, jenseits von Schwarzmalerei und Beschönigung, die Kindheit und Adoleszenz in Afrika thematisiert. In seinem autobiographischen Roman beschreibt Keita auf humorvolle und lebendige Weise die Erinnerungen an seine Kindheit mit acht Geschwistern in der westafrikanischen Heimat Mali. Djema, der neunjährige Protagonist, erfährt eines Tages, dass seine Familie von ihrem kleinen Heimatort Bougouni nach Bamako umziehen muss, da der Vater aufgrund der politischen Situation seine Stelle verloren hat. Das Leben in Bamako ist ganz anders und zum ersten Mal erfahren Djema und seine Geschwister, was Hunger ist. Doch Djema lässt sich nicht entmutigen. Mit seinen neuen Freunden unternimmt er Streifzüge durch die Großstadt, klaut Mangos, spielt Fußball, trifft sein Idol, den Ringer Sassilon Male, und lässt sich von Straßenmusikern inspirieren. In den Sommerferien bietet sich ihm die Gelegenheit, das Dorfleben genauer kennen zu lernen. Bei seinem Onkel in Tabe erwarten ihn einige Proben. Ob er diese bestehen wird und ob sein Traum, berühmt zu werden – als Musiker, Dichter, Ringer oder Fußballer – erfährt man am Ende des Romans. Diese Autobiographie bietet nicht nur viele Berührungspunkte mit der Lebenswirklichkeit von europäischen Kindern (z.B. Arbeitslosigkeit der Eltern, Trennung von geliebten Menschen und Tieren, Freundschaft, Zukunftsträume und Berufswünsche), sondern in ihr werden auch die vorhandenen Unterschiede dargestellt: der Kontrast zwischen Tradition und Moderne, Armut und Reichtum, dem Leben in der Stadt und auf dem Land.
Idrissa Keitas Anliegen ist der lebendige Austausch zwischen den Kulturen. Der Dialog zwischen Europa und Afrika motivier ihn zu seiner Literatur und seiner Arbeit als Kulturbotschafter der Deutschen Welthungerhilfe. Keita möchte ein realistisches Bild von Afrika jenseits von Hungerkatastrophen, Diktatur und Krankheit vermitteln, das in unseren europäischen Köpfen so stark verhaftet zu sein scheint. Er schreibt über die afrikanische Mittelschicht, die weder bettelarm noch reich ist: „Ich war kein reiches Kind, ich war kein bitterarmes Kind. Kindheit in Afrika wird […]oft extrem einseitig dargestellt. Entweder sind die Kinder sehr arm, mit Hungerbäuchen, oder sehr reich. Aber es gibt noch ein sehr breites Spektrum, dazu gehört auch meine Familie. Ich möchte nichts beschönigen, nicht schwarz malen, sondern eine […] Normalität darstellen. Das Buch wendet sich auch gegen die schlechten Nachrichten […] über Afrika. Das Positive – die Gelassenheit, die afrikanische Weisheit, der Glaube und die Bedeutung der Natur – ist kaum bekannt.“[1]
„Djemas Traum vom großen Auftritt“ ist 2001 in französischer und deutscher Sprache erschienen und ist von dem Autor auf zahlreichen Lesereisen im Rahmen der Aktion „Weltgeschichten – Der Weltfrieden ruht in den Händen der Kinder“ in Deutschland und dessen Nachbarländern vorgestellt worden.
Geeignet für Kinder ab 10. Dieses Buch ist leider nur antiquarisch erhältlich. Weitere sehr gute Kinderbuchtipps aus der Einen Welt findet man bei Baobabbooks.ch.
[1] Idrissa Keita In: Welternährung 1 / 2000 (Hg.: Deutsche Welthungerhilfe); zit. n. www.lpb.bwue.de/aktuell/puu/1_03/a8-a10.htm

Idrissa Keita

Djemas Traum vom großen Auftritt

gebunden, 190 Seiten

Atlantis Verlag pro juventute 2001

nur antiquarisch erhältlich

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Rezension: Patrice Nganang – Der Schatten des Sultans

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BildDer kamerunische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Patrice Nganang wurde 1970 in Yaounde geboren. In Deutschland promovierte er in Frankfurt über den nigerianischen Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka. Heute lebt Nganang in den USA, wo er als Professor für Litertaur und moderne europäische Sprachen an einer Universität beschäftigt ist.

Der wohl bekannteste Roman des in französischer Sprache schreibenden Autors ist “Hundezeiten”. Für diesen äußerst originellen Roman aus Sicht eines Hundes geschrieben, wurde Nganang für zahlreiche Preise nominiert.

Nun liegt sein aktueller Roman Der Schatten des Sultans (Originaltitel Mont Plaisant) im Peter Hammer Verlag auf Deutsch vor. Darin geht es um die junge Kamerunerin Bertha, die nach ihrem Geschichtsstudium in den USA in ihre afrikanische Heimat zurückkehrt. Dort trifft sie durch Recherchen im Stadtteil Mont Plaisant in Yaounde auf die achtzigjährige Sara, die 1931 als Kind gezwungen wurde, ihre Eltern zu verlassen, um fortan als eine von 300 Ehefrauen an der Seite von Sultan Njoya zu leben. Zwischen den Frauen entspannt sich ein Dialog, der auch deshalb besonders faszinierend ist, weil Sara bis dahin für stumm gehalten wurde. Bertha kann ihr Schweigen brechen und erfährt so die Geschichte dieser Frau, aber auch unzählige andere Lebensgeschichten, die sich rund um den Hof des Sultans ereigneten.

Besonders gelungen finde ich Nganangs Verknüpfung von historischen Fakten und fiktiven Geschichten. Der Einstieg in die Lektüre wird dem Leser allerdings durch viele Namen und Zeitsprünge recht schwer gemacht. So tauchte in Saras Leben bereits eine andere Bertha auf, die sie auf das Leben in einer polygamen Ehe mit dem Sultan vorbereiten sollte und Sara mit Geschichten in das Leben ihres verlorenen Sohnes Nebu eintauchen ließ. Es bedarf anfangs hoher Konzentration, um in den Roman hinein zu finden. Was sich aber auf jeden Fall lohnt, beschenkt uns der Autor doch mit so vielen faszinierenden Charakteren und Biographien.

Dieses Buch mag vor allem jenen ans Herz gelegt werden, die bis jetzt fälschlicherweise von der Geschichtslosigkeit des afrikanischen Kontinents überzeugt waren. Aber natürlich auch allen geschichtsinteressierten Leserinnen und Lesern, die in Nganangs fast 500 Seiten starkem historischen Roman auf ansprechende und unterhaltsame Weise sehr viel über den ehemaligen Herrscher des Königreichs Bamum und auch die Zeit der Kolonialisierung Kameruns erfahren können. Es seien alle eingeladen, dieses Buch zu lesen, die gerne in fremde Welten eintauchen und sich von einem umfangreichen Romanpersonal nicht abschrecken lassen.

 

Patrice Nganang

Der Schatten des Sultans

Peter Hammer Verlag

gebunden, 540 Seiten

Euro 26,- (D)

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